H310 Stellenwert von Ergometrie und Stressechokardiographie in der kardialen Diagnostik.
M.Näbauer
Med. Klinik I, Universität München, Klinikum Großhadern, München.

Die koronare Herzerkrankung und ihre Folgen bis hin zum Myokardinfarkt stellt eine führende Ursache der kardialen Sterblichkeit dar. Entsprechend bedeutsam sind die rechtzeitige Erkennung der Erkrankung und die Bestimmung des klinischen Schweregrads zur Risikoabschätzung. Aufgrund des erhöhten Sauerstoffbedarfs des Herzens bei Belastung sind Belastungsuntersuchungen geeignet, eine Flusslimitierung in Koronargefäßen in einem Stadium zu erfassen, in dem die myokardiale Durchblutung in Ruhe noch nicht beeinträchtigt ist. Sie dienen damit dem Nachweis einer belastungsinduzierbaren Minderdurchblutung des Myokards und erlauben eine nicht-invasive Beurteilung der Koronardurchblutung. Die Durchführung dieser Untersuchungen erfolgt als Belastungstest mit simultaner EKG-Ableitung auf dem Ergometer oder Laufband (Belastungs-EKG), oder als Stressechokardiographie unter Ergometerbelastung (dynamische Stressechokardiographie) bzw. medikamentöser Belastung (pharmakologische Stressechokardiographie).

Beim Belastungs-EKG erfolgt der Nachweis der Ischämiereaktion klinisch anhand des Auftretens von Angina pectoris, des Blutdruckverhaltens, des Auftretens von Rhythmusstörungen, und anhand ischämietypischer Veränderungen der ST-T-Strecke im simultan abgeleiteten 12-Kanal-EKG. Bei der Stressechokardiographie erfolgt zusätzlich die Darstellung der Wandbewegung der linken Herzkammer durch Ultraschall. Hierdurch können bereits in Ruhe vorliegende Wandbewegungsstörungen nach Infarkten bzw. eine inadäquate Zunahme der regionalen Kontraktilität unter Belastung als Ausdruck einer unter Belastung auftretenden Minderdurchblutung erkannt und einer Region des linken Ventrikels zugeordnet werden. Zusätzlich zum Nachweis einer Ischämie kann die Stressechokardiographie eine Aussage zur Vitalität des Myokards erbringen, was insbesondere in der Entscheidung für revaskularisierende Maßnahmen (PTCA oder Bypass-Operation) bedeutsam ist, da sich die Kontraktionsfähigkeit vitaler, aber minderversorgter Myokardareale nach Wiederherstellung der Durchblutung erholt. Während die körperliche Belastung auf dem Fahrrad oder Laufband eine physiologische Belastung darstellt und eine sehr niedrige Komplikationsrate zeigt, ist die pharmakologische Belastung, z.B. mit Dobutamin, mit einer erhöhten Rate unerwünschter Wirkungen (u.a. Kammerflimmern, Hypotonie, Myokardinfarkt) behaftet. Im Falle einer fehlenden körperlichen Belastbarkeit oder fehlenden Aussagekraft des Belastungs-EKGs ist mittels pharmakologischer Stressechokardiographie jedoch eine weiterführende Abklärung hinsichtlich einer koronaren Herzerkrankung möglich. Die Sensitivität in der Diagnostik der koronaren Herzerkrankung durch Belastungsuntersuchungen liegt für die Ergometrie bei 60-75%, für die Stressechokardiographie bis 90%, so dass ein signifikanter Anteil von Patienten mit koronarer Herzerkrankung mit diesen Verfahren nicht entdeckt wird.

Wesentliche klinische Einsatzgebiete der Belastungsuntersuchungen liegen in Diagnose und Abschätzung der Prognose der koronaren Herzerkrankung und in der präoperativen Risikoabschätzung. Ferner erlauben sie eine Bewertung der Relevanz einer angiographisch dokumentierten Stenose für die Myokarddurchblutung. Seltenere Anwendungsgebiete umfassen die Bewertung der Relevanz von Klappenvitien.