H355 Homozystein: gesicherte Therapieindikation?
J.Thiery
Inst. f. Laboratoriumsmed., Klin. Chemie u. Molekul.Diagn. Univ. Leipzig, Leipzig.

Die seltene, angeborene Hyperhomozysteinämie ist mit thrombotischen Ereignissen bereits im frühen Kindesalter verbunden. Die bekannte endothelschädigende Wirkung sehr hoher Homozysteinkonzentrationen im Plasma hat in den letzten Jahren zu verstärkten wissenschaftlichen Anstrengungen geführt, eine potentielle Funktion des Homozysteins bei der kardiovaskulären Erkrankung des Erwachsenen aufzuzeigen. Neuere epidemiologische Untersuchungen ergaben, dass bei Gesunden (<60 Jahre) die Homozysteinkonzentration keinen signifikanten Einfluss auf das koronare Risiko hat. Allerdings sprechen aktuelle Prospektivstudien an Patienten mit bekannter koronarer Herzerkrankung für eine potenzierende Wirkung des Homozysteins auf die Progression der Gefäßerkrankung. Eine signifikante Assoziation findet sich zwischen einem erhöhten KHK-Risiko und dem MTHFR 677C->T Polymorphismus, der mit einem gestörten Folatstoffwechsel und erhöhten Homozystein-Konzentrationen verbunden ist. Dieser Befund ist jedoch bisher nur von geringer praktisch-klinischer Relevanz. Die pathophysiologische Funktion von Homozystein in der Atherogenese ist bisher nur wenig verstanden. Primär diskutiert wird eine oxidative Schädigung des Endothels mit einer Hemmung der NO-Synthese. Zudem fördert Homozystein die Bildung von Lipidperoxiden, die zu einer Stimulation von Wachstumsfaktoren und zur Proliferation der glatten Muskelzellen beitragen können. Erhöhte Homozystein-Plasmakonzentrationen können durch Hemmung der PPARs in Endothelzellen eine Dysfunktion induzieren, die zu erhöhter Vasokonstriktion beiträgt.

Bisher liegen nur wenige und zum Teil widersprüchliche Interventionsstudien mit dem Ziel einer Reduktion vaskulärer Endpunkte durch eine Senkung des Homozysteins mit Vitaminpräparaten vor (Vitamin B6, B12 und Folsäure). Die Ergebnisse laufender, groß angelegter Interventionsstudien sollten abgewartet werden, bevor eine medikamentöse Senkung gering erhöhter Homozysteinkonzentrationen zur Prävention der koronaren Herzerkrankung empfohlen werden kann. Ein erhöhtes Plasmahomozystein kann dagegen als potenzierender Faktor der Atherosklerose bei der Bewertung des globalen Risikos eines Patienten berücksichtigt werden.