| H203 | Neue Klassifikation des akuten Koronarsyndroms: Was bringt sie? |
| K.Werdan | |
| Universitätsklinik und Poliklinik f. Inn. Medizin III Universität Halle-Wittenberg, Halle. | |
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Unter dem Begriff “Akutes Koronarsyndrom (ACS)” werden die Phasen der koronaren Herzerkrankung zusammengefaßt, die unmittelbar lebensbedrohlich sind. In der klinischen Praxis sind dies die instabile Angina, der akute Myokardinfarkt und der plötzliche Herztod. Da die Übergänge dieser klinischen Formen fließend sind, hat es sich in den letzten Jahren durchgesetzt, Patienten anhand des EKG in die Gruppen mit (STEMI = ST-Strecken-Elevations-Myokardinfarkt) und ohne ST-Streckenhebung (Troponin-positiv: NSTEMI = Non-ST-Strecken-Elevations-Myokardinfarkt; Troponin-negativ: instabile Angina pectoris) zu unterscheiden. Aufgrund der unterschiedlichen therapeutischen Maßnahmen erscheint diese Einteilung gerechtfertigt und sinnvoll [Braunwald et al 2002: ACC/AHA Guideline Update for the Management of Patients with Unstable Angina and Non-ST-Segment-Elevation-Myocardial Infarction: www.acc.org; The Task Force on the Management of Acute Coronary Syndromes of the European Society of Cardiology: Management of acute coronary syndromes in patients presenting without persistent ST segment elevation: Eur Heart J 23 (2002) 1809-1840]. Das akute Koronarsyndrom stellt mit 20 % aller Einsatzindikationen den häufigsten Grund zur Notarztalarmierung dar, und jährlich werden in der BRD ca 350.000 - 400.000 Patienten mit akutem Koronarsyndrom ohne persistierende ST-Streckenhebung behandelt. Hinter dieser Diagnose im weiteren Sinn verbirgt sich ein breites Spektrum, das von funktionellen Herzbeschwerden mit guter Prognose einerseits bis zur akuten Myokardischämie mit ungünstiger bis sehr ungünstiger Prognose reicht. Im Vergleich zur bisherigen Einteilung - instabile Angina pectoris und “klassischer” Myokardinfarkt - fordert die neue Definition des ACS dem betreuenden Arzt eine differenziertere und anspruchsvollere Diagnostik ab; dem betroffenen Patienten bietet sie aber mehr Sicherheit als bisher: stellt der Notarzt bzw. erstversorgende Arzt in der Prähospitalphase die Arbeitsdiagnose eines ACS, so ist leitliniengemäß die Einweisung in ein Krankenhaus in ärztlicher Begleitung und die rasche Differenzierung des ACS mittels EKG und Troponinbestimmung innerhalb von 60 Minuten obligat. Gab es für die Patienten mit STEMI bereits vor der neuen Klassifizierung eindeutige Behandlungs-Algorithmen, so sind es mit der Einführung der ACS-Terminologie vor allem die ebenso gefährdeten NSTEMI-Patienten und diejenigen mit instabiler Angina und weiteren Risikomerkmalen, welche von der raschen invasiven Abklärung innerhalb von 6, spätestens 48 Stunden und der ggfs. nachfolgenden PCI/CABG profitieren. Bei dieser ACS-Patientengruppe dürfte der Nutzen der rechtzeitigen Koronar-Revaskularisation mit Verhinderung eines ausgedehnten STEMI besonders groß sein, die rasche Diagnosestellung entsprechend der ACS-Klassifikation vorausgesetzt. Bei all den positiven Aspekten der neuen Klassifikation darf allerdings nicht vergessen werden, daß nicht nur die Symptome des Myokardinfarkts beim Patienten akute Todesangst auslösen können, sondern der durchgemachte Herzinfarkt selbst ausgesprochen negative psychosoziale Auswirkungen haben kann: 50% aller Infarktpatienten zeigen unmittelbar nach dem Infarktereignis depressive Symptome, mit einer mehr als sechsfach erhöhten Morbidität/Letalität innerhalb der nächsten 18 Monate [Frasure-Smith et al: Circulation 91 (1995) 999-1005], und 40 % haben eine immanente Furcht zu sterben [Lewin: Heart 82 (1999) 654-655]. Hier ist es eine noch wenig beachtete, aber wichtige ärztliche Aufgabe, den “neu hinzugekommenen” NSTEMI-Infarktpatienten deren aufgrund der rechtzeitigen Behandung in Relation zur klassischen Infarkt-Langzeitprognose wesentlich günstigere Zukunftsperspektive zu vermitteln. |