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Orientierung für medizinisches Handeln: Neue Leitlinien für Bluthochdruck und Diabetes in Arbeit

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Statement Prof. Dr. Heribert Schunkert 

Dresden, 11. Oktober 2013 „Leitlinien sind für den klinisch tätigen Arzt eine Chance, sein Handeln am aktuellen Stand der Forschung zu orientieren. Die DGK arbeitet gegenwärtig an der Erstellung bzw. Adaptierung mehrerer Leitlinien zu so häufigen Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes in Verbindung mit Herzproblemen“, so Prof. Dr. Heribert Schunkert (Direktor der Klinik für Erwachsenenkardiologie am Deutschen Herzzentrum München) bei einer Pressekonferenz zur Herbsttagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) in Dresden. Kein Arzt könne die rund 20.000 biomedizinischen Journale lesen, und so wurde es zu einer der wichtigsten Aufgaben der medizinischen Fachgesellschaften, aus der unüberschaubaren Informationsflut jene Studienergebnisse herauszufiltern, die für die tägliche Praxis von Bedeutung sind und auf dieser Basis ihre Empfehlungen zu erarbeiten.

Prof. Schunkert: „In Europa gibt es die besondere Situation, dass es einerseits die nationalen Gesellschaften wie die DGK gibt, und darüber hinaus eine Europäische Kardiologengesellschaft (ESC). Die DGK orientiert sich in ihren Empfehlungen in der Regel an der ESC, wo auch führende deutsche Kardiologen mitarbeiten. Werden neue ESC-Guidelines publiziert, werden diese zunächst ins Deutsche übersetzt, dann wird im Rahmen eines Diskussionsprozesses abgestimmt, ob es möglich und sinnvoll ist, diese Leitlinie einfach zu übernehmen, oder ob die deutschen Gegebenheiten kommentiert werden müssen.“

Mehr Individualisierung, flexiblere Behandlungsziele

Für die Klinische Kommission der DGK steht derzeit viel Arbeit an: Auf dem Jahreskongress 2013 der ESC wurden vier neue bzw. überarbeitete Guidelines präsentiert. Dabei geht es um die Themen Herzschrittmacher, stabile koronare Herzkrankheit, Bluthochdruck und Diabetes (in Kombination mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen). Besonders die beiden letztgenannten sind für eine enorme Zahl von Patienten relevant und betreffen auch den Bereich der Allgemeinmedizin. Prof. Schunkert: „Die gemeinsame Linie dieser beiden Guidelines lässt sich mit dem Wort Individualisierung zusammenfassen. Die ESC weicht mit ihren Empfehlungen nun von starren und in der Praxis für viele Patienten auch unerreichbaren Zielwerten ab und sieht stattdessen flexible Behandlungsziele vor, die dem Alter, dem Gesundheitszustand und der Gesamtsituation der Patienten angepasst werden sollen.“

Leitlinie zu Diabetes

Besonders deutlich zeigt das die Diabetes-Leitlinie. Hier wird nun empfohlen, die Behandlung so zu gestalten, dass die Patienten einen HbA1c-Wert (ein Maß für den Langzeit-Blutzucker und damit die Schwere des Diabetes bzw. die Wirksamkeit der Behandlung) von weniger als 7 Prozent erreichen. Dabei gibt es jedoch individuellen Spielraum. Bei jüngeren Patienten mit langer Lebenserwartung und gutem Gesamtzustand kann versucht werden, ein HbA1c zwischen 6 und 6,5 Prozent zu erreichen, sofern das ohne Probleme wie Unterzuckerung oder schweren Nebenwirkungen gelingt. Andererseits kann bei alten und gebrechlichen Diabetikern auch ein HbA1c bis zu 8 Prozent akzeptiert werden.

Relativ streng sind die ESC-Guidelines hingegen im Hinblick auf die Diagnose einer Diabetes. Bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit (Verkalkungen der Herzkranzgefäße) genügt ein HbA1c von weniger als 7 Prozent nicht für den Ausschluss einer Diabetes. Vielmehr müssen bei grenzwertigem HbA1c weiterführende Untersuchungen (oraler Glukosetoleranztest) durchgeführt werden. Neben Blutdruckkontrolle (mit einem neuen Zielwert von weniger als 140/85 mmHg) wird eine konsequente Senkung des LDL-Cholesterins auf <70 mg/dL empfohlen. Nichts geändert hat sich an den Empfehlungen zum Lebensstil: Das Körpergewicht sollte reduziert oder zumindest stabilisiert werden, mehrfach ungesättigte Fette sollten statt der gesättigten konsumiert werden (Olivenöl statt Butter) und nicht zuletzt wird körperliches Training empfohlen, das, wenn möglich, auch intensiv gestaltet werden kann. Da Diabetiker ein erhöhtes Risiko von Arterienverkalkungen haben, sollten sie kardiologisch untersucht werden.

Leitlinie zu Bluthochdruck

Ganz in diese Richtung weisen auch die neuen ESC-Empfehlungen zum Bluthochdruck. Die gemeinsam mit der Europäischen Blutdruckgesellschaft ESH erstellte Leitlinie sieht einen einheitlichen Zielwert von 140/90mmHg vor. Die bislang für Hochrisikopatienten geforderten 130 mmHg sind weitgehend verlassen und sollen nur mehr in sehr sorgfältig ausgewählten Populationen wie Diabetikern mit Nierenversagen angestrebt werden. Bei älteren Patienten werden auch höhere Werte bis zu 150 mmHg toleriert. Die ESC empfiehlt, Verträglichkeit und Nebenwirkungen von Medikamenten verstärkt in die Entscheidungen hinsichtlich der Blutdrucktherapie einzubeziehen. Aufgewertet wird in der neuen ESC-Leitlinie auch die Rolle der Blutdruck-Selbstmessung.

Prof. Schunkert: „Ohne dem Diskussionsprozess vorgreifen zu wollen, kann ich sagen, dass sich die meisten Kolleginnen und Kollegen sehr positiv zu diesen Änderungen geäußert haben. Einer besseren Anpassung der Therapieziele an die individuelle Situation des Patienten gehört sicher die Zukunft.“ 

Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz und Kreislaufforschung e.V. (DGK) mit Sitz in Düsseldorf ist eine gemeinnützige wissenschaftlich medizinische Fachgesellschaft mit mehr als 8500 Mitgliedern. Sie ist die älteste und größte kardiologische Gesellschaft in Europa. Ihr Ziel ist die Förderung der Wissenschaft auf dem Gebiet der kardiovaskulären Erkrankungen, die Ausrichtung von Tagungen die Aus-, Weiter- und Fortbildung ihrer Mitglieder und die Erstellung von Leitlinien. Weitere Informationen unter www.dgk.org